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Nachruf – Ika Hügel-Marshall

Meine liebe Freundin Ika Hügel-Marshall ist gestern im Alter von 75 Jahren unerwartet verstorben.

Sunny und Ika ca. 1984

Ich bin am Boden zerstört über den Verlust. Ika war ein Schwarzgurt, eine Autorin, eine Redakteurin, eine Filmproduzentin, eine schwarze Aktivistin, eine Feministin, eine Lesbe, eine Künstlerin und eine rundum großartige Frau. Ika war die erste Frau, die ich traf, als ich vor 38 Jahren in Frankfurt ankam – ein Volltreffer! Ich rief die Nummern von Himmel und Erde an, um einen Taekwondo-Verein für Frauen zu finden, und fand Ika! Sie holte mich auf dem Weg zum Training an der Uni ab und wir verstanden uns auf Anhieb. Sie flippte aus, als ich ihr erzählte, dass ich einen schwarzen Gürtel zweiten Grades hatte. Damals hatte der Verein einen männlichen Ausbilder und die Frauen hatten noch nie einen weiblichen schwarzen Gürtel gesehen. Ich unterrichtete dort einige Monate lang eine Kampfklasse, aber es wurde bald klar, dass ich meine eigene Schule brauchte.

FIB Gründerinnen und erster Vorstand bei der 25-Jahr-Feier von FIB e.V

Ika kam mit mir und wir gründeten 1985 Frauen in Bewegung e.V. Ihre Freundschaft und Unterstützung waren von unschätzbarem Wert. Ohne sie wäre ich bestimmt nicht in Deutschland geblieben. Wir hatten die Vision, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Frauen und Mädchen jeder Hautfarbe, Nationalität, Religion, Herkunft, Fähigkeiten und sexuellen Orientierung gemeinsam ihre Stärken entdecken können. Wir betrachteten Selbstverteidigung, Selbstbewusstsein, Mut und Solidarität zu lehren. Selbst nachdem sie Frankfurt verlassen hatte, war Ika weiterhin stolz auf die Arbeit von FIB.

Erste Gürtelprüfung im FIB e.V. ca. 1985 Ika (Mitte oben) und Sunny (Mitte unten)

Ika gehörte zu der ersten Gruppe von FIB-Frauen, die 1990 am Oriental Martial Arts College ihre Prüfung zum schwarzen Gürtel ablegten. Sie war so aufgeregt, nach Amerika zu gehen, in das Land ihres Vaters, den sie bis dahin weder kennengelernt hatte noch wusste, wo er war.  Die Erlangung des schwarzen Gürtels war besonders wichtig, weil es die erste positive Assoziation mit „Schwarz“ war, die sie erfahren hatte.

Als sich Mitte der 80er Jahre in Frankfurt die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) gründete, war Ika dabei. Die Begegnung mit anderen, die die Erfahrung teilten, sich in ihrem eigenen Land fremd und isoliert zu fühlen, veränderte ihr Leben. Sie wurde in ADEFRA e.V. (Afro-Deutsche Frauen) aktiv und zog bald nach Berlin, um mit dem Orlanda Frauenverlag und Dagmar Schultz, die ihre Lebenspartnerin wurde, zusammenzuarbeiten.

Ika (2. von rechts) und Sunny (rechts) beim 20-jährigen Jubiläum von FIB e.V

Ika freundete sich mit der Schwarzen, feministisch-lesbischen amerikanischen Dichterin Audre Lorde an, die sie ermutigte, ihre Biographie zu schreiben. „Daheim unterwegs: Ein deutsches Leben“ ist Ikas fesselnde Geschichte vom Schwarzsein in der Nachkriegszeit im weißen Deutschland.  Es ist eine Geschichte, die jeder lesen sollte.

Sunny und Ika beim 25-jährigen Jubiläum des Vereins FIB 2010

Durch ihre Lesungen, Antirassismus-Workshops und weltweite Vorführungen des Audre-Lorde-Films, für den sie als Co-Autorin den Text schrieb, ermutigte Ika andere Schwarze Menschen, insbesondere Frauen, ihre eigenen Geschichten zu schreiben, und trug maßgeblich dazu bei, dass sie veröffentlicht wurden.

Ika war eine starke, kraftvolle Aktivistin für soziale Gerechtigkeit, die die Welt als einen besseren Ort verließ als den, in den sie hineingeboren wurde.  Sie hat viele Leben berührt, auch mein eigenes zutiefst. Ich liebe und respektiere sie und bin sehr dankbar für unsere jahrzehntelange Freundschaft. Ich vermisse sie sehr.

Senior Großmeisterin Sunny Graff

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